Der Hund – Buchempfehlung – Mit Leseprobe

der-hund-buchempfehlungDer Hund

Wüst, brutal, sinnlich: Akiz erzählt die Geschichte eines Underdogs auf dem Weg in die Sterneküche – ein neuer Sound in der deutschen Literatur.

Der Hund ist ein Ausnahmetalent. Ein Waisenjunge, halb verhungert aus einem Kellerloch gekrochen, der kochen kann, dass es einem das Herz zerreißt. Und er ist für Mo wie ein Bruder. Als sie beide im Restaurant El Cion anfangen, steigt der Hund in den Olymp der Sterneküche auf.

Akiz erzählt die Geschichte zweier Underdogs, ohne Luft zu holen, in überschäumendem Sound. Ein brachiales, unvergessliches Debüt, das mit voller Wucht auf die Explosion zusteuert.

Jetzt lesen

Kapitel 1 – Leseprobe  –

Wir nannten ihn den Hund. Ich glaube, Vaslav hatte ihm den Namen gegeben. Keine Ahnung, aber ich glaube, Vaslav hatte damit angefangen.

 »Hund. Hier. Sauber machen«, so in der Art. Jedenfalls dauerte es nicht lange, bis der Junge auf den Namen »Hund« hörte und aufblickte, wenn man ihn so rief.

 Für uns alle war der Hund ein Rätsel. Wie eine Sphinx. Eine Sphinx mit kleinen Augen, klein wie Stecknadeln, als ob sich giftiger, blauschwarzer Strom hinter seinen Pupillen angestaut hätte, und lange Haare zankten sich auf seinem Kopf.

Sein Gesicht wirkte fiebrig, gierig und triebgesteuert, fast schon pervers, aber irgendwie auch wie von einer filigranen Statue aus einer anderen Zeit. Mehr als einmal habe ich Frauen gesehen, die knallrote Flecken im Gesicht bekamen, während sie den Hund heimlich anstarrten, wenn er nicht so abartig und wortkarg gewesen wäre, dann hätte er sie alle haben können.

 Man erzählte sich, dass er während seiner ganzen Kindheit eingesperrt gewesen war, in einem dunklen Erdloch, irgendwo im Kosovo, ob das stimmt, weiß ich nicht. Angeblich wurde er unter einer Luke gefangen gehalten und sah in dieser Zeit keine Menschenseele.

Und keinen einzigen Lichtstrahl. Nur absolute, rabenschwarze Stille. Jahrelang. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt war das Essen. Das wurde ihm täglich durch eine Luke geschoben. Einfache Kost, lieblos zusammengeklatschte Essensreste. Meistens Brot. Bohnen. Kartoffeln. Manchmal Fleischreste vom Huhn.

 Nach und nach müssen sich seine Geschmacksnerven in dieser Isolation wie der Tastsinn eines Blinden entwickelt haben, irgendwann konnte er im Essen lesen wie andere Menschen in einer Zeitung. Angeblich konnte er schmecken, ob die Kartoffeln in der Nähe einer Autobahn geerntet wurden oder ob das Fleisch von einem Tier stammte, das schmerzlos oder qualvoll hingerichtet wurde.

Oder wer das Essen gekocht hatte. Ob es ein Mann oder eine Frau war. Ob sie sich vorher die Hände gewaschen hatte, ob sie ihre Tage oder vor Kurzem noch Sex gehabt hatte. Er musste die Kartoffelfelder im trüben Herbstlicht wie Bilder auf der Zunge gesehen haben. Die schwitzenden Titten der Frau hinter dem Herd und die nikotingelben Achseln der Gabelstaplerfahrer in den Großlagerhallen.

 Wie er in die Stadt kam, war nicht aus ihm herauszubekommen, aber jemand hatte einmal behauptet, dass der Hund vor ein paar Jahren als blinder Passagier auf der Ladefläche eines polnischen Lkws angekommen war.

Angeblich hatte er nicht mehr dabeigehabt als eine gelbe Plastiktüte, in die er sein ganzes Hab und Gut gestopft hatte, und wenn die Gerüchte stimmen, dann stammt die Narbe auf seinem Kopf vom Baseballschläger des Lkw-Fahrers, der ihn dabei entdeckt hatte, wie er unter der Plane des Lkws hervorgekrochen kam.

 Als ich ihn kennenlernte, muss er gerade mal zwanzig Jahre alt gewesen sein, so gut wie nie kamen Worte aus seinem Mund, und wenn, dann nur kurze, marode Sätze.

Er sah den Menschen nicht ins Gesicht, sondern immer unter das Kinn, auf den Kehlkopf, irgendwo zwischen Hals und Mund, nur wenn ihn etwas überraschte, dann blickte er einem in die Augen, starr, entsetzt, nur für Bruchteile einer Sekunde, wie ein zu Tode erschrecktes Tier. Der Hund war ein Genie. Und er war mein Bruder.

 Als ich ihn das erste Mal sah, lag der Winter bereits lange hinter uns und die ersten warmen Nächte im Jahr fingen an, die Trostlosigkeit der kalten Stadt wie Tauwetter zu schmelzen, die Presslufthämmer auf den Baustellen klangen wieder lieblicher, und das Kreischen der Bahngleise war nicht mehr so brutal wie noch um Neujahr herum.

Die letzten Weihnachtsdekorationen wurden aus den Bäumen entlang der Boulevards gerissen, und eines Nachts, kurz bevor ein neuer Tag anbrach, stand er plötzlich direkt vor mir in der Unterführung gegenüber vom Imbiss.

 Seine Hände steckten in den Taschen einer fettigen Bomberjacke, und er starrte zu mir herüber. Abwesend. Wortlos, als ob er Witterung aufgenommen hätte.

 Aufgedonnerte, zugekokste Russinnen, die ihr verlaufenes Make-up vor dem Tageslicht in Sicherheit bringen wollten, breit grinsende, wie Kriegsheimkehrer nach Hause schleichende, spanische Backpacker auf Ecstasy und hysterische Busreisende musterten ihn neugierig.

Wie Müll und Treibgut wurden sie im Gedränge rechts und links an ihm vorbeigespült, und auch die Zombies in ihren nach süßlichem Heroin und Pisse stinkenden Schlafsäcken am Straßenrand vor dem Spätkauf verfolgten ihn mit nervösen Blicken.

 Ich arbeitete damals seit fast einem Jahr bei Vaslav. Bis vor Kurzem war das hier noch ein China-Imbiss gewesen. Jetzt vertickten wir Döner, Börek und Köfte. Ab Einbruch der Dunkelheit plärrten russische Pop-Hits aus den Boxen über der Kasse.

Vaslav drehte so laut auf, dass die müden und tauben Partygänger von der Musik wie von einem Leuchtfeuer angezogen wurden, wie Fliegen von der Scheiße, die gar nicht anders konnten, als einen letzten Zwischenstopp einzulegen, bevor sie nach Hause krochen, um endlich hinter ihrer Türschwelle mit rot geränderten Augen und Ayranflecken auf der Hose zusammenzubrechen.

Vaslav rief den Hund zu uns und bot ihm einen Döner an. Dafür sollte er das verkrustete Auffangbecken unter dem Grill sauber schrubben.

Das war eigentlich mein Job, aber ich musste los, die tiefgefrorenen Pommes aus Vaslavs Kofferraum holen. Offensichtlich war der Hund so hungrig, dass er stumm nickte und die Bürste in die Hand nahm und loslegte. Von da an kam er jeden Tag. Vaslav ließ ihn den Boden wischen, die Bratfettkästen abschmieren und die Hundescheiße aus den Reifen seiner alten S-Klasse kratzen. 

Vaslav war ein mieser Typ. Fette rote Adern, speckig wie nasse Regenwürmer und breit wie Unterarme, blähten sich an seinem Hals und wurden von einem engen schwarzen Rollkragenpullover abgeschnürt, wenn er brüllte.

Vaslav brüllte eigentlich immer. Seine Haare waren kurz wie beim Militär. Hinterkopf hatte er keinen. Wenn der Teufel auf einen Haufen scheißt, dann richtig, und bei Vaslav hatte er Durchfall gehabt. Der Hund ließ alles über sich ergehen. Selbst als Vaslav ihn anspuckte, wischte er nicht einmal den Rotz vom Rücken seiner Bomberjacke, sondern kratzte weiter die braungelbe Soße aus den Plastikeimern, als würde er stoisch und schweigend abwarten, bis seine Zeit gekommen war.

Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wurde in diesem Frühjahr das El Cion wiedereröffnet. Die Gerüchte kursierten schon lange, dass der alte Inhaber gefeuert, der Laden seit letztem Sommer fertig renoviert und Valentino als Chefkoch zurück im Ring war. Zwei Jahre lang war er im Knast gewesen, angeblich hatte er einem Gast die Vorderzähne ausgeschlagen, weil der sein Essen mehrmals zurückgegeben hatte. Im Netz kursierte damals ein Video, auf dem ein Mann auf dem Boden lag, seine Oberlippe war dick und aufgeplatzt wie eine Bratwurst, und er fischte mit zitternden Händen auf dem Boden nach seinen Zähnen.

Im Hintergrund stand ein Typ in Kochuniform, von hinten sah er Valentino wirklich ähnlich, und jemand zupfte an seinem Ärmel und versuchte, ihn wie ein entlaufenes Nashorn zurück in die Küche zu locken.

Valentino war ein Todesstoß für die blutleeren und verkrampften Laborversuche der Molekulargastronomie und der verstaubten, reaktionären mediterranen Küche. Er war ein Flächenbrand für den Geschmack, ein Frontalunfall der Sinne seiner Gäste, man musste hinschauen und die Zähne hineinschlagen, ob man wollte oder nicht. 

Nach dem ersten Biss drehte man die Augen nach oben, bis das Weiße sichtbar wurde, und wenn das obszöne Ragout oder die absurd überteuerte Fasanenbrust den Hals hinunterrutschte, grunzte man, und man stöhnte, und man seufzte, und man bekam wehmütige Augen, man holte tief Luft, während der Geschmack im Mund mit voller Lautstärke dröhnte, als wäre man gerade in seiner Hose gekommen, und dann lächelte man verklärt, und man schüttelte leicht den Kopf und fragte sich, wie so ein Geschmack von Menschenhand geschaffen werden könne. 

Leseprobeende

Produktdetails

Einbandgebundene Ausgabe
Seitenzahl192
Erscheinungsdatum27.01.2020
SpracheDeutsch
ISBN978-3-446-26599-8
VerlagHanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Maße (L/B/H)20,8/12,9/2 cm
Gewicht285 g
Auflage2
Verkaufsrang3961
hunde-op-versicherung